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Jeder braucht ein Ventil, auch wenn nicht ganz klar ist, wer und was bei wem wie droht zu explodieren. Benny Adam, der Held meiner Kolumnenserie, ist auf jeden Fall mein Ventil. Viel Vergnüngen!

ZEITMASCHINE - Die "Benny-Adam" - Kolumne Nr.: 16

Letzten Freitag Abend saß ich in einer Zeitmaschine. War ganz einfach. Ich ging mit sieben Männern - alle waren um die 50 - in ein Squashcenter. Ich wollte ein wenig Sport machen, weil Sophie gemeint hatte, Justin Timberlake würde ihr gefallen.

Dazu muss man wissen, dass ich gerade einmal zarte 29 Jahre alt bin und mich bereits der Klang des Wortes "50" an runzelige Hühnerhälse erinnert. Eins vorweg: die Hühnerhälse trugen ihre Haare alle dünn und stirnfrei, waren aber verdammt fit. Während ich mit hängender Zunge einen nahen Knöchelbruch vortäuschen musste, um eine Pause machen zu dürfen, liefen die alten Herren herum, als wären sie Justin Timberlake.

Und dann saßen wir alle zusammen und tranken Bier. Die Herren unterhielten sich. Ich lauschte still und dachte mir: das werden wohl die Themen sein, über die ich mich in einer weit, weit entfernten Zukunft unterhalten werde.

Hier mein lückenhaftes Gedächtnisprotokoll dieses Abends:

Die Stimmung ist gut, man trinkt das zweite Bier. Es geht um Frauen. Wie lange muss man dem Wunsch der Ehefrau nach einer Paartherapiestunde Widerstand leisten? Die meisten meinen 4-5 Jahre ist Pflicht, sonst macht man sich zum Trottel. Ein Mann sieht zu Boden. Er hat seiner Frau die Therapiestunde vorgeschlagen. Betretenes Schweigen.

Alle am Tisch behaupten, die Therapiestunden wären nett gewesen. Einer meint, er hätte auch nichts gegen einen Dreier mit der Therapeutin gehabt. Großes Gelächter.

Der letzte Satz wird durch die Aussage des gleichen Mannes relativiert, der sagt, dass bei ihm zu Hause Sex nur noch an hohen kirchlichen Festtagen eine Rolle spielt. (z.B. Ausrufung des heiligen Jahres, Seligsprechung, Papstwahl, etc.) Zustimmendes Nicken aller am Tisch.

Kochrezepte werden ausgetauscht. Es gibt eine thailändische, eine südamerikanische und eine Linsen/Nudel Fraktion. Die Diskussion wird innerhalb weniger Augenblicke sehr emotional und droht zu eskalieren.

Die vielleicht 22 jährige slowakische Kellnerin kommt an den Tisch und serviert Frankfurter mit Kren. Alle am Tisch lächeln und zeigen - mit Ausnahme von mir - stolz die Goldkronen. Muss sparen für Goldkronen!

Kurz werden Fragen betreffend Kunst und Politik gestreift. Ein Mann versucht, ein Gespräch über Literatur anzuzetteln, doch die Mehrheit interessiert sich für das Thema "Schmerzmittel". Fünf der sieben Herren befinden sich in der Marathonvorbereitung und testen gerade die Pillen, mit denen sie an den Start gehen wollen.

Es ist 22 Uhr. Die Kellnerin legt die Rechnung auf den Tisch und trägt das Geschirr in die Küche. Eine Position auf der Rechnung ist unklar. Der Kassazettel wird mit der Gleitsichtbrille des ältesten Teilnehmers weiter gereicht. Einer nach dem anderen nimmt den Zettel, hält ihn mit gestrecktem Arm von sich weg, versucht ihn zu lesen und scheitert. Erst dann wird die Brille vor die Augen gehalten. Niemand erklärt, warum alle schlecht sehen, aber nur einer eine Brille hat. Der Fehler auf der Rechnung wird gefunden. Ich hatte doch vier Bier. Die Brille verschwindet wieder in einem Etui. Die Kellnerin wird an den Tisch gerufen.

Wir verabschieden uns. Die Zeitreise ist beendet. Ich weiß jetzt ziemlich genau, was mich erwartet. Am Weg hinaus lese ich noch die Überschrift auf einer Illustrierten: "Justin Timberlake heiratet!" Die Paartherapeuten in seiner Gegend wird das freuen.

Wieder zu Hause bitte ich Sophie, sofort mit mir zu schlafen, weil eben ein heiliges Jahr ausgerufen wurde. Sie meint, ich sei betrunken, erkennt aber den Ernst der Lage. Wir vögeln ganz wild, bis weißer Rauch aufsteigt. Anschließend gehen ich in die Küche und koche das thailändische Rezept nach. Großartig!

Die vorige Kolumne war:

QUAND'IO MI VOLGO - Die "Benny Adam" Kolumne Nr.: 15

Ich bin nicht deprimiert, wirklich nicht, aber irgendwie habe ich mir mein Leben anders vorgestellt. Eine Spur ausgelassener, bunter, und da meine ich nicht Sophies Abverkaufs-Dekorationswut oder die Flecken auf den Kleidern der Zwillinge.

Wohin ist diese Leichtigkeit des Seins verschwunden? Noch vor Jahren gab es Zeiten, da las ich die Zeitung von vorne bis hinten durch und überlegte anschließend, ob ich den Abend mit Anna, Birgit, oder Claudia verbringen sollte. Gut, alle drei haben mir regelmäßig abgesagt, aber da war immer noch Freddy - ein pensionierter Alkoholiker - mit dem ich viele schöne Stunden in Viktors Beisl verbracht habe.

Heute komme ich über das Datum auf der Titelseite der Zeitung nicht hinaus und schlafe abends bei meiner eigenen Gute-Nacht-Geschichte im Kinderbett ein. Dafür verstehe ich jetzt, warum mein Vater immer so lange am Klo saß. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir, wie er mit grimmigem Gesicht, die Zeitung haltend, aus dem stinkenden Klo kommt.

Nein, nein, ich bin nicht in der Krise, weil Sophie meinen Geburtstag einfach vergessen hat. Angerufen hat auch niemand. Nicht einmal mein Vater. Vielleicht hat er auf seinem neuen Klo keinen Empfang.

Nur Claudia hat sich vor ein paar Tagen wieder bei mir gemeldet. Sie hatte sich verwählt. Als ich ihr von meinen Kindern erzählte, wollte sie mich sofort sehen.

Vorgestern nachmittag, als ich die Zwillinge vom Kindergarten abholte, trafen wir uns auf einem Kinderspielplatz ihrer Wahl. Sie sah toll aus und war sehr sexy angezogen. Sie begrüßte mich überschwänglich und stellte mir ihren dreijährigen Sohn Max vor. Fünf Minuten später war sie verschwunden und wollte gleich wieder kommen.

Vier Stunden verbrachte ich mit drei Kindern auf dem Spielplatz. Die Kinder waren sehr nett. Auf den Spielplätzen sind immer nur die Mütter das Problem. In der Regel halten sie ihre Sprösslinge für Genies und Männer, die sich unter der Woche dort aufhalten, für Eunuchen. Da gibt es keinen Funken Solidarität. Männer am Spielplatz haben in den Augen der Mütter den zweifelhaften Charme arbeitsloser Übersetzer.

Mag sein, dass diese Annahme in meinem Fall zutreffend ist, doch deshalb muss man mich doch nicht ignorieren. Zu meiner großen Überraschung kam aber Freddy, der Alkoholiker vorbei. Leider erkannte er mich nicht wieder und schlief in der Sandkiste ein.

Egal. Am Tag nach meinem Geburtstag entschuldigte sich Sophie und versprach mir viel Aufmerksamkeit nach der Gute-Nacht-Geschichte für die Kinder. Der Strick in meiner Hand wird sie nachdenklich gemacht haben.

Geweint habe ich erst am Nachmittag. Die Zwillinge überreichten mir ein buntes, klobiges Etwas aus Knetmasse. Darauf konnte man mit viel Phantasie ihre Fuß- und Fingerabdrücke erkennen. Das Gebilde kam mit einer Glückwunschkarte. "Alles Gute zum Geburtstag, Papa. Wir lieben dich."

Ich bin sofort in Tränen ausgebrochen. Meine Lieblinge sind ja so talentiert. Und jetzt muss ich aufs Klo.