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Jeder braucht ein Ventil, auch wenn nicht ganz klar ist, wer und was bei wem wie droht zu explodieren. Benny Adam, der Held meiner Kolumnenserie, ist auf jeden Fall mein Ventil.

Alle Illustrationen stammen von Sarah Morrissette. (sarahmorrissette.wordpress.com)

Viel Vergnüngen!

Benny Adam - Die Kolumne Nr. 34: Willkommen in White Haze!

Sophies Großmutter ist gestorben. Der schlechten Nachrichten nicht genug, hat Sophie auch noch 5000 Euro geerbt. Sofort meinte sie, man müsste Urlaub machen und verreisen.

Verreisen mit der Familie ist aber das Gegenteil von Urlaub. Um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren, schlug ich als Reiseziel eine lauschige Gartenhütte am Stadtrand vor. Wissend, dass dies abgelehnt werden würde, legte ich mit einer zweitägigen Busreise Richtung St.Pölten nach. Als Worst-Case-Szenario hatte ich einen Folder in Reserve, der drei Tage Badespaß am Neusiedler See inklusive Bootsfahrt und Weinverkostung versprach. Letzteres würde alle Strapazen bis dahin vergessen machen.

Am Ende aller Diskussionen liefen wir wie die Lemminge zu einem Flugzeug, dass uns ins sonnige Kalifornien beförderte. Die Flugreise entsprach den Erwartungen. Der Unterschied zwischen Economy-Class-Reisenden und Sardinen in einer Büchse besteht nur darin, dass Sardinen vor der Reise gnadenhalber zu Tode gebracht werden. Ich versuchte diesen Zustand mittels Schlaftabletten zu simulieren, hatte dann aber bei der Einreise in die USA Schwierigkeiten. Merke: Geschlossene Augen kann man nicht scannen.

Amerika unterscheidet sich rein äußerlich nicht rasend vom Wiener Stadtteil Floridsdorf: flaches, ödes Land, Einfamilienhäuser, Einkaufszentren. Überhaupt sind es vorwiegend die Gemeinsamkeiten, die dem Reisenden anfangs das Gefühl vermitteln, das alles schon einmal gesehen zu haben. Die Einfamilienhäuser haben vorne ein großes Garagentor, die Autos fahren auf der rechten Straßenseite, Frauen sind neun Monate schwanger und jeder weiß, dass Schwarzenegger seine Haushälterin gebumst hat.

Unverständlich wird es erst, wenn man mit den Eingeborenen Kontakt aufnimmt. Im krassen Gegensatz zu Floridsdorf will in Amerika jeder ständig wissen, wie es einem geht. Wildfremde Menschen grüßen einander auf der Straße. Der Österreicher weiß, dass man Fremden mit tief empfundenem Misstrauen zu begegnen hat, während sich der Amerikaner mit oberflächlicher Freundlichkeit präsentiert.

Klimatisch ist Amerika zweigeteilt. Es gibt innen und außen. Außen ist aber niemand bis auf die hitzeresistenten Mexikaner und innen herrscht fröstelnder Dauerherbst. Öffentlicher Verkehr findet nicht statt. Während Herr und Frau Österreicher gerne auf freiem Feld diversen Trieben frönen, verfällt der Amerikaner außerhalb klimatisierter Räume in eine Art Duldungsstarre. Um den Bereich zwischen Auto und Shopping-Center so gut wie möglich zu vermeiden, werden Lebensmittel nur einmal pro Jahr gekauft. Das erklärt die begehbaren Kühlschränke in einem durchschnittlichen amerikanischen Haushalt.

Will der Amerikaner die Seele baumeln lassen, greift er zu Marihuana. Meine Versuche, mittels Blaufränkischem die Reise vergessen zu machen, waren vergebens. Das sonst so zuvorkommende Verkaufspersonal wandte sich von mir ab, als hätte ich um zehn Deka Hackfleisch von der Hauskatze des Angestellten gebeten. Marihuana, dass jedem Kalifornier medizinisch vorgeschrieben ist, kann man hingegen beim lokalen Dealer bequem mit der Kreditrate bezahlen. Aber Vorsicht: das Gras im Joint ja nicht mit Tabak mischen.

Die USA hat zu Tabak ein ähnliches Verhältnis wie zu Sex. Das Land produziert mehr Pornofilme als jede andere Nation, aber wehe du suchst um eine Spur zu lange in deiner Hosentasche nach dem Feuerzeug, während du eine Passantin nach der Richtung zur nächsten Bar fragst.

Missverständnisse kommen natürlich überall vor, aber an sich ist der Amerikaner sehr humorvoll. Manche meinen, nur deshalb wurde der derzeitige Präsident gewählt, alle Comedy-Serien aus den Fernsehprogrammen gestrichen und durch Live-Übertragungen seiner Reden ersetzt.

Eine Ausnahme in Punkto Humor ist die Exekutive. Polizisten in Amerika sind nicht lustig. Kann man im österreichischen Weinviertel bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung und anschließender Anhaltung durch den befreundeten Gendarm noch auf die gemeinsame Zeit bei den öffentlichen Alkoholikern pochen, so landet man für ein ähnliches Vergehen in den USA auf einem harten Stuhl hinter Gittern. Hat man Pech, ist der Stuhl elektrisch geladen.

Bis zu einem gewissen Punkt verlief unsere Reise, dank der von mir getätigten Umstellung von Blaufränkischem auf ein Kraut namens White Haze, wie im Traum. Ab Tag drei unseres Aufenthaltes waren die Zwillinge erstaunlich gut erzogen und Sophie die liebreizendste Frau, die man sich vorstellen kann.

Dann passierte es: Im Yoshua Tree National Park trafen wir zufällig auf eine Dame, die während der Mittagszeit ihr Auto parkte und ausstieg. Der Park ist wunderschön, aber eben eine Wüstenlandschaft, in der es ab neun Uhr vormittags mindestens 40 Grad im Schatten hat. Die Dame blieb starr und leicht gebückt neben ihrem Wagen stehen. Ich eilte zu Hilfe, weil ich dachte, sie hätte ihren Autoschlüssel verloren. Breit grinsend lief ich um sie herum, suchte den Boden ab und gab ihr schlussendlich unseren Autoschlüssel. Die Dame verharrte weiter in ihrer gebeugten Position. Mein chemisch geliftetes Hirn interpretierte das als einen akuten Bandscheibenvorfall, der mein Einschreiten nötig machen würde. Ich stellte mich also hinter sie, umarmte sie und wollte sie mit einem leichten Stoß meiner Hüften aufrichten.

Fünf Stunden später fand ich mich, vollständig ausgenüchtert, in einer Gefängniszelle wieder. Ich konnte mich nur noch daran erinnern, dass ich dem mich verhaftenden Beamten lachend erklärt hatte, ich wäre ein Neffe Arnold Schwarzeneggers. Tags darauf hörte ich, wie Sophie durch das Büro des Sheriffs schrie. Was genau sie sagte, verstand ich nicht. Jedenfalls wurde ich zwei Tage später mit auf den Rücken gefesselten Händen und verbundenen Augen in ein Flugzeug gesetzt, das zuerst in Sydney und anschließend in Wien Schwechat landete. Ich schwöre, ich esse nie wieder Sardinen.

Sonst ist alles in bester Ordnung. Sophie kommt morgen mit den Kindern an. Gestern lief ich zur Sicherheit noch schnell ins Shopping-Center und bestellte bei einem extrem unfreundlichen Verkäufer drei Kisten Blaufränkischen.

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